Erwin Tilemann ging 2006 als Berater bei den Senioren der Wirtschaft an den Start und feiert im Februar 2026 sein 20-jähriges Jubiläum. Ergänzend zu seinem ehrenamtlichen Engagement als Berater ist er seit 2010 Teil des Vorstands der Wirtschaftssenioren in Baden-Württemberg.
Herr Tilemann wie sind Sie zu den Senioren der Wirtschaft (SdW) gekommen?
Ein ehemaliger Kollege und damaliger Vorstand der Senioren der Wirtschaft, Winfried Gatzweiler, hat mich angesprochen. Ich war nach vielen erfüllten Berufsjahrzehnten im internationalen Vertrieb der IBM gerade in der Altersteilzeit angekommen und auf der Suche nach einer sinnvollen, passenden und regelmäßigen Beschäftigung für mich. Genau nach einer solchen Tätigkeit, wie sie mir Herr Gatzweiler beschrieb, hatte ich schon länger gesucht.
Was „gibt“ Ihnen dieses ehrenamtliche Engagement und was motiviert Sie?
Die SdW sind für mich das Beste, was mir passieren konnte! Die Fragen, die sich in der Zusammenarbeit mit Existenzgründenden, Unternehmerinnen und Unternehmern in der Betriebsübergabe oder -übernahme sowie in der Unternehmensentwicklung stellen, passen ideal zu meinen Neigungen. Ich bin in der Wirtschaftswelt zu Hause. Es wird nie langweilig und Abwechslung ist mein täglich Brot.
Ich halte es für sehr spannend, mit jüngeren Menschen zusammenzuarbeiten. Mich treibt auch die Neugierde, was sich meine Klienten und Klientinnen überlegt haben und was sie bewegt. Es erfüllt mich, wenn ich meine Erfahrungen weitergeben kann und im Austausch auch Anerkennung hierfür bekomme.
Wir alle werden zunehmend älter und dürfen uns an einer längeren Lebenserwartung erfreuen. Darum war es für mich sehr relevant, eine erfüllende Beschäftigung in der 3. Lebensphase zu finden. Außerdem werden Menschen, die eine solche gefunden haben, weniger häufig Pflegefälle – das finde ich sehr erstrebenswert.
Was sind einige Höhepunkte aus Ihrer 20-jährigen Beratertätigkeit? An welche Themen, Situationen etc. können Sie sich noch gut erinnern?
Die Neuausrichtung unseres Vereins hin zu mehr Professionalität war ein wichtiger Meilenstein. An eine externe Mitgliederversammlung in Güglingen 2012 kann ich mich in dem Zusammenhang gut erinnern. Sogar ein neuer Name musste her.
Ebenfalls 2012 fand die Feier zum 25-jährigen Vereinsbestehen statt, bei der Erwin Teufel, der damalige Landesvater von Baden-Württemberg und der Präsident der IHK, im Stuttgarter Rathaus ihre Glückwünsche überbrachten. Daran erinnere ich mich gerne zurück.
Auch die Überprüfung unseres eigenen Portfolios mit Blick auf die Intensivierung der längerfristigen Begleitung von Existenzgründenden sowie Unternehmern und Unternehmerinnen bleibt im Gedächtnis. Ganz konkret denke ich dabei auch an die erste Patenschaft, die ich übernommen habe. Diese hat sich aus einer „Anschubfinanzierung“, sprich aus einer klassischen Erstberatung des Gründers Marcus Seybold, entwickelt. Heute, 20 Jahre später, treffen wir uns noch immer regelmäßig. Das ist die erste und gleichzeitig auch längste Patenschaft, die wir im Verein haben. Darauf bin ich sehr stolz.
Amüsant war mein erster KI-Fall in der Location „Daimler Family Office“ in Stuttgart. Ich hatte einen der Gründer gebeten, er möge mal KI für mich erklären. Darauf seine Antwort, verbunden mit dem Satz: Seine Mutter hätte das auch nicht verstanden…
Was hat sich in den vergangenen 20 Jahren für den Verein verändert?
Wie bei allen lange auf dem Markt etablierten Unternehmen und Organisationen gab es natürlich auch bei uns viele Veränderungen; einige hatte ich auch schon erwähnt.
Beispielsweise hat sich auch der Wettbewerb um die Gründerszene in Deutschland verstärkt. Verbunden mit vielen Unterstützungsangeboten von Gemeinden, Kreisen, dem Land bis zu EU bzw. Institutionen wie IHKs etc. Oder auch hochprofessionelle privat finanzierte Zentren, wie z.B. die Schwarz Stiftung in Heilbronn. Dieses erweiterte Angebot hat für uns als Verein auch neue Chancen hervorgebracht, sodass wir uns viel intensiver in Kooperationen mit den erwähnten Anbietern engagieren können.
Zwischenzeitlich arbeiten wir auch ganz eng mit Gründerzentren und sogenannten Acceleratoren zusammen. Hier begleiten und beraten wir unter Förderung des Wirtschaftsministeriums BW Start-ups. Die (An-)Sprache ist da z. B. eine ganz andere. Auch die von uns eingesetzten Werkzeuge haben sich erweitert und verändert, wie z.B. das Business Model Canvas oder auch Finanzierungsformen wie Venture Capital. Außerdem spielt die Internationalisierung des Geschäftsmodells bei vielen unserer Klientinnen und Klienten heute eine gewichtige Rolle.
Welche Fähigkeiten sollten Beraterinnen und Berater aus Ihrer Sicht mitbringen, die sich für die Senioren der Wirtschaft interessieren?
Ich erlebe es in der Zusammenarbeit mit meinen Klientinnen und Klienten, dass Führungserfahrung ein wichtiger Aspekt ist. Die Neugier auf das Gegenüber und seine Ideen ist ganz zentral. Als Berater und Beraterin muss man zuhören können, die „richtigen“ Fragen stellen und sich seiner Rolle bewusst sein: Als Berater bin ich nicht Lehrer, sondern Coach! Und man muss auch mal Nein sagen können – oder: Das wird nichts.
Der größte Bedarf bei unseren Gründerinnen und Gründern besteht bei den Themen Finanzen sowie Marketing und Vertrieb. Wenn man als Wirtschaftssenior aus diesen Bereichen gezielt Know-how mitbringt, ist das sehr hilfreich.
Herr Tilemann, herzlichen Dank für Ihren Rückblick. Weiterhin viel Freude und spannende Projekte bei den Senioren der Wirtschaft.
Haben auch Sie Interesse, sich bei uns als ehrenamtliche Beraterin oder Berater zu engagieren. Dann melden Sie sich gerne für ein unverbindliches Kennenlerngespräch.
Foto: Sinem Ertürk, greenbeedesign